Hanuman und die Kraft, Berge zu verschieben (DE)
Oct 15, 2026
The Journal · Hanuman · Editorial N° 3
Es gibt Berge, die stehen nicht in der Landschaft. Sie stehen in uns. Ein Nein, das wir nie ausgesprochen haben. Eine Angst, die älter ist als wir selbst. Ein Traum, den wir so lange vertagt haben, dass er schwer geworden ist wie Stein.
Wenn ich an Hanuman denke, denke ich nicht zuerst an Muskeln. Ich denke an diesen Moment kurz vor dem Sprung, wenn alles in dir sagt: Das schaffe ich nicht. Und du springst trotzdem.
Der Affe, der vergessen hatte, wer er ist
Im Rāmāyaṇa gibt es eine Szene, die mich seit Jahren begleitet. Sītā ist entführt, auf die Insel Laṅkā, jenseits des Ozeans. Das ganze Heer der Affen steht am Ufer und starrt aufs Wasser. Einer nach dem anderen sagt, wie weit er springen könnte. Keiner traut es sich zu.
Hanuman sitzt still daneben. Er sagt nichts. Denn er hat vergessen, wer er ist.
Die Überlieferung erzählt, dass er als Kind so voller Kraft war, dass er die aufgehende Sonne für eine reife Mango-Frucht hielt und nach ihr sprang. Später, weil er mit seinem Übermut die Weisen in ihrer Meditation störte, wurde er mit einem Fluch belegt: Er sollte seine Kräfte vergessen, bis jemand ihn daran erinnert.
Und dann kommt Jāmbavān, der alte Bärenkönig, setzt sich zu ihm und erinnert ihn. An seinen Vater, den Wind. An die Sonne. An das, was in ihm wohnt. Und Hanuman beginnt zu wachsen, bis er so groß ist wie ein Berg, und springt über das Meer.
Die Kraft war nie weg. Sie war nur vergessen.
Ich glaube, das ist eine der ehrlichsten Geschichten über Spiritualität, die es gibt. Wir müssen nichts erschaffen, was nicht schon da ist. Wir müssen uns erinnern. Und manchmal brauchen wir dafür einen Jāmbavān: einen Lehrer, eine Freundin, eine Praxis, einen Satz, der zur richtigen Zeit kommt.
Den ganzen Berg tragen
Die zweite Geschichte kennen viele. Im großen Krieg um Laṅkā wird Lakṣmaṇa, Rāmas Bruder, tödlich verwundet. Nur ein Heilkraut kann ihn retten, die Sañjīvanī, und sie wächst auf einem fernen Berg im Himalaya. Hanuman fliegt los. Doch als er ankommt, kann er das Kraut nicht erkennen. Alles leuchtet. Alles sieht gleich aus.
Also hebt er den ganzen Berg aus der Erde und trägt ihn zurück.
Ich liebe diese Geschichte, weil sie so unvernünftig ist. Hanuman analysiert nicht. Er wartet nicht, bis er alles versteht. Er weiß nur: Ein Leben hängt davon ab. Und seine Liebe ist größer als sein Zweifel.
Das ist Bhakti. Nicht Gefühlsseligkeit, sondern eine Hingabe, die so total ist, dass sie handelt. Wer wirklich liebt, fragt nicht zuerst, ob er stark genug ist.
Woher die Kraft kommt
Hanuman ist der Sohn von Vāyu, dem Gott des Windes. In der yogischen und tantrischen Sicht ist Vāyu nicht nur Wind da draußen, sondern Prāṇa, die Lebenskraft, die durch uns atmet. Jeder Atemzug ist, wenn man so will, ein Kontakt mit Hanumans Vater.
Wenn wir also nach Hanumans Stärke fragen, fragen wir eigentlich: Was passiert, wenn der Atem frei wird? Wenn Prāṇa nicht mehr in Angst und Anspannung festhängt, sondern fließen kann? Aus meiner Erfahrung mit Kriyā und Atemarbeit kann ich sagen: Es ist erstaunlich, wie viele „Berge" sich als festgehaltener Atem entpuppen.
Ein traditioneller Vers, den man Hanuman in den Mund legt, beschreibt, wie er zu Rāma steht. Für mich ist er eine ganze Landkarte des inneren Weges:
dehabuddhyā tu dāso'haṃ jīvabuddhyā tvadaṃśakaḥ
ātmabuddhyā tvam evāham iti me niścitā matiḥWenn ich mich als Körper erlebe, bin ich dein Diener. Wenn ich mich als Seele erlebe, bin ich ein Teil von dir. Wenn ich mich als das Selbst erkenne, bin ich du. Das ist meine feste Gewissheit.
Traditioneller Vers, Hanuman zugeschrieben (eigene Übertragung)
Hier liegt das Geheimnis seiner Kraft. Hanuman ist nicht stark, obwohl er dient. Er ist stark, weil er dient. Weil das kleine Ich mit seinen Zweifeln aus dem Weg gegangen ist und etwas Größeres durch ihn wirken kann.
Was im Herzen wohnt
Und dann gibt es dieses Bild, das in Indien an unzähligen Wänden hängt: Hanuman, der sich die Brust aufreißt. Darin, in seinem Herzen, sitzen Sītā und Rāma.
Die Geschichte dazu erzählt, dass man an seiner Hingabe zweifelte, und er zeigte einfach, was in ihm war. Kein Argument. Kein Beweis von außen. Nur das Herz, offen.
Aus tantrischer Sicht sind Sītā und Rāma nicht zwei ferne Gottheiten, sondern Śakti und Śiva, Kraft und Bewusstsein, die in uns vereint sein wollen. Wer sie im Herzen trägt, braucht keine Muskeln, um Berge zu bewegen.
Deine Berge
In der Hanumān Cālīsā, dem vierzigversigen Hymnus von Tulsīdās, den Millionen Menschen jeden Tag singen, heißt es:
durgama kāja jagata ke jete
sugama anugraha tumhare teteAlle schwierigen Aufgaben dieser Welt werden leicht durch deine Gnade.
Tulsīdās, Hanumān Cālīsā, Vers 20 (eigene Übertragung)
Ich lese das nicht als Versprechen, dass das Leben einfach wird. Ich lese es so: Was unmöglich scheint, solange ich es allein aus meinem kleinen Willen heraus stemmen will, wird möglich, wenn ich mich mit etwas Größerem verbinde. Mit dem Atem. Mit dem Mantra. Mit der Liebe zu etwas, das wichtiger ist als meine Angst.
Vielleicht ist dein Berg ein Gespräch, das du seit Monaten aufschiebst. Eine Entscheidung. Ein Projekt, für das du dich zu klein fühlst. Ein alter Schmerz, den du endlich ablegen willst.
Hanuman würde nicht fragen, ob du stark genug bist. Er würde fragen: Wofür liebst du genug, um zu springen?
Eine kleine Praxis
- Setz dich aufrecht hin und leg eine Hand auf dein Herz.
- Atme ein paar Mal tief und langsam. Spür, wie der Wind, Vāyu, durch dich geht.
- Benenne innerlich einen Berg in deinem Leben. Nur benennen, nicht lösen.
- Wiederhole dann leise oder innerlich elfmal das Mantra Śrī Rām Jay Rām Jay Jay Rām, das Hanuman unaufhörlich sang.
- Frag dich zum Schluss: Was wäre der allererste kleine Sprung?
Nicht den ganzen Berg auf einmal. Nur den ersten Sprung.
Jay Hanuman,
Alexia
Quellen
- Vālmīki, Rāmāyaṇa: Kiṣkindhā Kāṇḍa (Jāmbavān erinnert Hanuman an seine Kraft), Sundara Kāṇḍa (der Sprung nach Laṅkā), Yuddha Kāṇḍa (der Berg mit den Heilkräutern), Uttara Kāṇḍa (Kindheit und Fluch)
- Tulsīdās, Hanumān Cālīsā (16. Jh.), Vers 20
- „dehabuddhyā tu dāso'ham ...": traditioneller Vers aus der Bhakti-Überlieferung, Hanuman zugeschrieben
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